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Boulevard Of Broken Dreams.

Juni 19, 2008

Vorsichtig schob er den Schlüssel ins Schloss. Ohne, dass er nachdenken musste, drehten seine Hände den Schlüssel und zogen am Türknauf, bis die Tür sich öffnete. Gewohnheiten ließen sich nicht auslöschen.

Seine rechte Hand griff nach der großen Reisetasche. Die Linke schob die Wohnungstür auf. Die Schritte seiner braunen Lederstiefel hallten ungleichmäßig in dem langen Flur, der mit hellem Parkett ausgelegt war. Doch die Dunkelheit der Nacht färbte es rabenschwarz. Unheimlich und fremd. Erst nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, traf ihn die Wucht der Stille. Sie dröhnte wie ein quälender Schrei in seinen Ohren und drückte ihn fest an die Wand. Das Schweigen. Die Stille. Die große Leere. Gemeinsam pressten sie sich an ihn und versuchten Besitz zu ergreifen.

Er ließ die Tasche im Flur stehen und ging hinüber ins Wohnzimmer. Ohne wirklich hinzusehen, schaltete er den Fernseher an. Er achtete nicht auf den Sender und drehte die Lautstärke ein wenig herunter. Erst dann zog er seine Jacke aus. Er legte sie über die Lehne eines schwarzen Esstischstuhls, der auch im Vorbeigehen noch glänzte. Wie schön er aussah. Doch er hatte noch nie auf ihm gesessen. Geschweige denn am Tisch gegessen.

Mit den schweren Stiefeln an den Füßen ging er hinüber zum Fenster. Gestern noch hatte er aus seinem Fenster einen weiten Blick über die Hollywoodhills gehabt. Sonnenstrahlen waren in sein Fenster gefallen und hatten ihm ein Lächeln auf die Lippen gezaubert. Doch hier war keine Sonne. Hier war es dunkel. Auch wenn es Tag gewesen wäre, und die Sonne ihre wärmsten Strahlen ausgesandt hätte. Sie wären doch nicht bei ihm angekommen.

Gestern noch war er zusammen mit zwei Freunden aus seiner Band durch Los Angeles geschlendert. Hatte hier und da ein Autogramm gegeben und nett in Kameras gelächelt.

Jetzt war er schon wieder hier. Er war zuhause und wünschte sich weit fort.

 

Mit einer zarten Bewegung strich er sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Obwohl der Fernseher lief, fürchtete er sich, ein Geräusch zu machen. Aus Angst, er könnte die Stille zum Zerbersten bringen.

Er griff nach der Zigarettenpackung, die er in seiner Hosentasche wusste. Er zog eine Zigarette aus der Packung und zündete sie an. Behutsam zog er am Filter und ließ den Rauch langsam seine Luftröhre hinabsinken. Währenddessen betrachtete er die glühende Spitze, deren Licht sich in die Dunkelheit seiner selbst brannte.

Er könnte hinüber in sein Schlafzimmer gehen. Dort, wo die vielen Kisten mit den Fanbriefen standen. Er könnte jemanden aus der Band anrufen und ihn bitten vorbeizukommen. Doch er tat es nicht. Stattdessen konzentrierte er sich auf den Rauch, der aus seinem Mund drang und sich allmählich im Nichts auflöste.

Die Gedanken trugen ihn zu seiner blonden Nachbarin, die eine Etage unter ihm wohnte. Eben noch hatte er sie im Treppenhaus getroffen. Er hatte ihr freundlich zugenickt, obwohl er noch nicht einmal ihren Namen wusste. Doch hin und wieder ertappte er sich bei dem Gedanken lieber namenlos zu lieben, als es gar nicht zu tun.

 

Er nahm einen letzten Zug und drückte die Zigarette in einem silbernen Aschenbecher aus, der auf der Fensterbank stand. Er musste ihn geschenkt bekommen haben. Doch er wusste nicht einmal von wem. Er hob die Zigarette vorsichtig aus dem Becher, ging hinüber in die Küche und schmiss sie in seinen Mülleimer. Den er sich vor einigen Jahren selbst gekauft hatte.

Wenn er oben auf der Bühne stand und in die zahllosen Gesichter blickte. Dann fühlte er Glück. Glück, das ihn restlos erfüllte. Manchmal versuchte er in so viele Gesichter wie möglich zu blicken, wenn er vor ihnen stand, mit dem schweren Mikrofon in der Hand. Versuchte sich einzuprägen, wie sie ihre schweißnassen Hände nach ihm ausstreckten. Wie sie seinen Namen riefen und ihn aus verklärten Augen ansahen. Er versuchte, die Gefühle aufzusaugen und sie einzufangen, um sie später wieder freizulassen. In Momenten wie diesen. Doch er hatte es noch nie geschafft.

Die Stille, die wie eine Art Bedrohung über ihm lauerte, zerstörte jede Art von Erinnerung, die er versuchte mit in diese Wohnung zu bringen.

Er setzte sich auf sein Sofa und strich mit den Händen über das rote Leder. Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass es jetzt 9 Uhr in Los Angeles war. Er verbannte den Gedanken, seine Uhr umzustellen. Vielleicht konnte er so vor seinem Leben davon laufen. Wenn er seiner Zeit voraus war.

Er wusste, dass er nur die kurze Zeit, die er hier war, überstehen musste. Die Öffentlichkeit war seine Droge. Die Musik sein Rauschgift. Die schreienden Fans seine tägliche Dosis Wahnsinn. Ohne sie fing er an sich zu spüren. Und genau deshalb versuchte er, so wenig Zeit wie möglich in seinen eigenen vier Wänden zu verbringen. Dort, wo er er selbst war. Dort, wo die Stille seine Schwächen offenbarte.

Er würde sich einfach hinlegen. In das kalte Bett, in dem er das letzte Mal vor drei Monaten gelegen hatte. Er würde die Augen schließen und balancieren zwischen Träumen und Wünschen. Er würde balancieren am Abgrund eines hohen Berges, wie er es schon sein ganzes Leben tat. Und manchmal, ja manchmal fragte er sich, was wohl geschehen würde, wenn er die Balance verlor.

 

 

 

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