
Mit Dir geht es nicht. Ohne Dich auch nicht.
März 2, 2008Ich nehme den Hörer in die Hand und wähle deine Nummer. Selbstverständlich kann ich sie auswendig, denn auch wenn ich sie in letzter Zeit seltener gewählt habe, so hat sie sich doch nach so vielen Jahren in mein Gehirn eingebrannt.
Es dutet und solange du nicht rangehst, bleibt mir die Einbildung, dass alles so wäre früher. Früher, als wir beste Freunde waren, uns alles erzählten, und nicht ohne den anderen konnten. Doch deine Stimme pustet dieses Bild mit nur einem Hauch weg.
“Hallo!”, sagst du, als du meine Stimme erkannt hast. Du klingst freudig. Es ist inzwischen, als würde man einen alten Bekannten sprechen, den man lange nicht gesehen hat. Beste Freunde sind wir schon lange nicht mehr. Wir wissen es, aber glauben tun wir es nicht. Jedes Mal, wenn ich von dir höre, trauere ich dem hinterher, was wir hatten. Sehe uns deinen wildgewordenen Wellensittich einfangen, den wir vorher leichtsinnig aus dem Käfig freigelassen hatten. Sehe uns zusammen auf dem Konzert unserer Lieblingsband. Sehe uns auf das erste Bier anstoßen und zusammen das erste Mal betrunken. Du hast so viele Jahre lang wie selbstverständlich zu meinem Leben gehört. Warum kannst du das jetzt nicht?
Immer, wenn ich deine Stimme höre, lasse ich neue Hoffnung aufkommen. Dass ich mich getäuscht habe und zwischen uns jetzt wieder dieses vertraute Gefühl ist. In den Sekunden, bevor du rangehst, lebe ich in dieser Erinnerung. Doch so oft wurde ich enttäuscht. Warum reden wir also immer wieder? Warum schreibe ich dir immer noch Postkarten aus dem Urlaub? Wahrscheinlich aus Routine. Weil ich es schon immer getan habe. Würde ich es aufgeben, dann würde ich uns aufgeben. Wir beide würden verblassen, bis man uns irgendwann nicht mehr sieht. Und was verblasst ist, das kommt nicht wieder. Deshalb kämpfe ich mit allen Kräften dagegen an.
“Wie geht es dir?”, fragst du und ich schüttele den Kopf. Früher hättest du das nicht gefragt. Früher wusstest du, wie es mir geht. Du musstest mich nicht erst fragen.
“Gut geht es mir”, antworte ich und stöhne innerlich auf. Mehr möchte ich dir gar nicht erzählen. Weil ich nach der ganzen Zeit gemerkt habe, dass es sich nicht mehr lohnt, sich die Mühe zu machen, überhaupt zu erzählen. Wir haben ja beide nichts davon.
Ob du merkst, wie fremd wir uns geworden sind? Dass ich jetzt in etwa die gleiche Beziehung zu dir, wie zu meinem Postboten habe? Ich weiß es nicht.
Schon lange führen wir zwei so verschiedene Leben und haben gemerkt, dass es auch ohne den anderen geht. Bis zur Weggabelung sind wir unser Leben gemeinsam gegangen. Als sich die Wege trennten, liefen wir in verschiedene Richtungen, die so weit auseinander führten, dass ich damals schon vermuten konnte, sie würden nicht wieder zu einem Weg zusammenführen. Jetzt weiß ich es.
Du erzählst ein bisschen von deinem Tag und ich bemerke, wie wenig es mich interessiert. Mit jedem Wort, das du sagst, scheinst du mir eines zu stehlen. Und am Ende bin ich sprachlos.
Du hast zu Ende erzählt und unser Gespräch zerbricht in Schweigen. Während wir reden, lassen wir unsere Worte das fremde Gefühl zwischen uns bedecken. Je mehr Worte es sind, desto weniger fühlt man es und man könnte fast glauben, es wäre weg. Doch jeder Satz hat einmal am Ende. Und dann schweigen wir uns an. Es ist dieser unangenehme Moment, in dem ich verzweifelt versuche, Worte zu finden, um das Gespräch nicht in vollkommener Stille enden zu lassen und die Wahrheit zu offenbaren. Wir merken beide wie offensichtlich es ist, dass wir uns nichts zu sagen haben. Diese Erkenntnis macht traurig. Deswegen ergreifst du das Wort und redest von deiner neuen Arbeitsstelle und eurem neuen Hund. Gemeinsam halten wir die Illusion einer Freundschaft lebendig, an der wir beide hängen. Und weil der Gedanke, die Illusion zu verlieren, so viel schmerzhafter ist als die Illusion selber, halten wir sie aufrecht.
Der Text macht mir Angst. Lässt vor meinen Augen eine mögliche Zukunft entstehen. Ein Bild, das ich schon lange in mir trage. Ich will meine Freunde nicht verlieren.
Manchmal kann man es nicht mehr ändern. Ich konnte es nicht mehr ändern, weil ich es erst gemerkt habe, als es schon zu spät war, um noch irgendwas zu retten. Entweder man merkt es sofort oder es soll halt so sein..hm.
So viel Feingefühl beim Jonglieren mit den Worten und den Emotionen. Kribbelnder Text. Toll.
Dankeschön, liebe Pia :)
Ahhhh! Das kenne ich. Jedes einzelne Wort kommt mir bekannt vor.