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Der Spaziergang.

Dezember 23, 2007

“Kommt, wir machen einen Spaziergang!” sagt ihr Vater freudig und sie wirft ihm einen zweifelnden Blick zu. Auch die kleine Schwester, die sich bei ihr untergehakt hat, stöhnt nur genervt auf. Spazieren gehen wollen sie nicht. Spazieren gehen ist langweilig. Das sagen sie dem Vater auch, aber der stellt sich taub und geht schnurstracks auf den großen Tierpark zu. Missmutig schauen sich die Schwestern an, die große und die kleine, und beschließen dann, ihm zu folgen. “Aber nur zehn Minuten!” beschwört sie ihren Vater. Sie mag Spaziergänge mit ihrem Vater nicht. Mit der kleinen Schwester schon, aber nicht mit der kleinen Schwester und dem Vater.

Sie geht gerne spazieren, betrachtet die schönen grünen Bäume, atmet die frische Luft ein und denkt viel nach. Ja, sie geht gerne spazieren. Aber alleine. Oder mit der kleinen Schwester. Aber nicht mit dem Vater. Und sie weiß nicht warum. 

Gemeinsam gehen sie nun den Weg im Tiergarten entlang. Die kleine Schwester an ihrem Arm. Zwischen den beiden Schwestern und dem Vater ist eine Lücke. Keine große, aber eine sichtbare. Und eine fühlbare. Und es wird geschwiegen, fast den ganzen Weg über. Weil sie sich auch ohne Worte verstehen? Nein, es ist keine dieser angenehmen stillen Momente. Denn sie würden sich auch mit Worten nicht verstehen. Und das weiß sie. Und sie weiß, dass der Vater es auch weiß. Doch er will es nicht glauben, auch das weiß sie.

Sie sieht sich um. Grüne Bäume, ein strahlend blauer Himmel und zwitschernde Vögel, die Fröhlichkeit verbreiten. Idylle. Aber sie passen hier nicht rein, denn sie sind so gar nicht idyllisch in diesem Moment. ”Mir ist langweilig.” sagt die kleine Schwester und gähnt übertrieben. “Komm, gleich spielen wir was und dann darfst du mich fangen.” schlägt der Vater vor, “So wie früher.” 

Alle drei gehen schweigend weiter. “Einer muss jetzt mal was sagen!” sagt die kleine Schwester grinsend, denn sie hat die Situation genau erfasst, wie die anderen beiden, doch sie hat es nun als einzige ausgesprochen. Doch es wird sich nur verlegen angeschaut und weiter geschwiegen. Sie lächelt zynisch, als sie hinauf in den schönen blauen Himmel sieht und gleichzeitig dieses beklemmende Gefühl spürt. Sie fängt an zu summen, um den grässlichen Moment der Stille zu überbrücken, verschwinden zu lassen. Aber es hilft nicht. Die Stille zwischen ihnen ist immer noch da – und sie war auch schon immer da. Und sie weiß, dass sie noch so viel reden kann, wie sie will. Die Lücke zwischen ihnen ist einfach zu groß geworden. Zwischen ihr und dem Vater. Redet er von oben, dann redet sie von unten. Redet sie über rechts, dann redet er über links. Sie können sich nie treffen. Und sie wissen es beide. Und auch das macht es für sie so schwer. 

Die Kieselsteine knirschen unter ihren Schuhen und sie muss die Tränen unterdrücken. Sie sieht sich selber mit der Schwester am Arm und dem Vater mit etwas Abstand diesen Weg entlang gehen. Wieder dieses beklemmende Gefühl, das sie einzunehmen scheint. 

Am Ende des Weges erkennt sie schon das Tor, durch welches sie den Tierpark wieder verlassen werden. “Das Tor zum Glück..” sagt sie scherzhaft, um dem Vater deutlich zu machen, wie sehr sie langweilige Spaziergänge hasst. Dann legt sie den Kopf schief. Ein Tor zum kleinen Glück ist es. Denn jetzt kommen sie auf die belebte Straße, auf der es so laut ist, dass es nicht auffällt, wenn sie nicht reden. Und sie haben eine Ausrede dafür, wenn sie nicht reden. Und wenn sie die Straße betreten ist alles wie vorher. Und jetzt weiß sie auch wieder, warum sie nicht gerne mit dem Vater spazieren geht.

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